„Ist es möglich, in der Früh irgendwo joggen zu gehen?“ ist eine der ersten Fragen, die wir nach dem Check-In in unserem Hotel in Pyongyang unseren Guides stellen. „Ja sicher“, so die ernsthafte Antwort, „das Stiegenhaus hinauf und hinunter!“
Es ist also tatsächlich wahr. Eine Reise nach Nordkorea bedeutet, sich die gesamte Reisedauer (in unserem Fall zwei Wochen) nur als Gruppe zu bewegen. Es ist nicht möglich, das Hotel zu verlassen (das sei zu gefährlich, und aufgrund der Sprachbarriere könnten wir eventuell nicht mehr zurückfinden), es ist nicht möglich, ein Taxi zu nehmen oder mit der Straßenbahn zu fahren, es ist nicht möglich, einfach ins Kino zu gehen oder ein Restaurant selbst auszusuchen. Für die Dauer der Reise wird man von so gut wie allen individuellen Entscheidungen entbunden. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt.
Ein seltsames Gefühl zwischen Beklemmung und Schicksalsergebenheit beschleicht einen durch diese Reisesituation, und dieses Gefühl beschreibt auch viele der Erfahrungen auf der Reise. Das Programm ist im Wesentlichen jenes, das alle TouristInnen in Nordkorea geboten bekommen: das Kim Il-Sung Mausoleum im Kumsusan-Palast (das wohl einen eigenen Artikel wert wäre), das Museum und die Gedenkstätte zum „Siegreichen Vaterländischen Befreiungskrieg“, das Monument in Erinnerung an die Parteigründung, der Turm der Juche-Idee, die Internationale Freundschaftsausstellung mit zehntausenden Geschenken an Kim Vater und Sohn, die Demarkationslinie bei Panmunjom, oder das US-„Spionageschiff“ „Pueblo“. Abgerundet wird es durch den Besuch mehrerer Schulen, Farmen, eines Krankenhauses und zweier Universitäten (immerhin sind wir ja eine Exkursionsgruppe der Uni Innsbruck), sowie der Arirang Mass Games, die alljährlich im August im angeblich größten Stadion der welt, dem 1.-Mai-Stadion stattfinden und ein unglaubliches Spektakel mit 100.000 TeilnehmerInnen darstellen.
Selbst wenn man alle diese Sehenswürdigkeiten nur als monumentale Bauwerke betrachtete, hätte man schon Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Richtig verwirrend werden sie durch die Erklärungen, die es dazu gibt. Das „politische System“ der DVRK ist durch zwei wesentliche Aspekte geprägt: zum einen durch einen gottgleichen Personenkult um den Präsidenten oder Großen Führer Kim Il-Sung, und seinen Sohn, den Geliebten Führer, der in einer Hütte am Mount Paektu geboren worden sein soll, die unweigerlich an den Stall von Bethlehem erinnert. Kim Il-Sung ist der ewige Präsident und trägt diesen Titel über seinen Tod hinaus (und ist damit das längstdienende Staatsoberhaupt der Welt), während Kim Jong-Il als sein Nachfolger seine Politik und die Juche-Idee weiterführen soll. Juche, der zweite prägende Aspekt, ist laut Verfassung die Weltanschauung der DVRK. Allerdings ist Juche mehr als eine Ideologie –es ist eine Religion, die in alle Lebensbereiche eingreift, bis hin zur eigenen Zeitrechnung, die mit dem Geburtsjahr Kim Il-Sungs beginnt und nach der wir uns nun im Jahr Juche 100 befinden.
Erst wenn man den Staat eher als eine „Religionsgemeinschaft“ zu begreifen versucht anstatt als ein politisches System, kann man beginnen zu akzeptieren, dass eben andere Gesetze, andere Konventionen und auch eine andere Geschichtsschreibung gelten. Mehr als ein halbes Jahrhundert der Abschottung, der ideologischen Erziehung und Strukturierung aller Lebensbereiche machen etwas mit einem Land und seinen Menschen, das für uns kaum nachvollziehbar ist. Und dennoch machen all diese Geschichten in sich irgendwie Sinn. Wenn wir mit offenstehendem Mund nach der spektakulären Arirang-Massengymnastik wieder in den Bus klettern und unsere Führerin uns erklärt, dass das koreanische Volk „single-hearted and one-minded“ ist, dann glauben wir ihr aufs Wort, dass das kein Stehsatz für TouristInnen ist, sondern die dort geltende Wahrheit.
Aber was ist wirklich die Wahrheit? Das Quälende an der Reise ist wohl dieses Unwissen. Noch interessanter als die Dinge, die wir sehen, sind nämlich die Dinge, die wir nicht sehen. Wie groß ist jetzt das Ausmaß der Hungersnot, oder gibt es die überhaupt? Wieviele Menschen sind tatsächlich in den so genannten „Umerziehungslagern“? Was ist Zwang, was ist „Freiwilligkeit“, und gibt es diese Grenze überhaupt? Was machen KoreanerInnen in ihrer Freizeit? Gibt es überhaupt Freizeit? Wie schauen die Straßen aus, durch die wir nicht mit unserem Touristenbus fahren? Wie schauen die Häuser von hinten aus? Sind die Häuser überhaupt echt?
Man wird ein bisschen paranoid in diesem Land. Fragt man unsere Guides, so haben sie auf (fast) alles eine Antwort – meist eine andere, als sie in der Literatur oder im Reiseführer steht. Aber wieso sollte das stimmen? Beim Lesen des Lonely Planet merkt man, dass der Autor auch nicht viel mehr Zeit im Land verbracht haben kann als wir. Publikationen sind voll von Konjunktiven und Anführungszeichen – wie auch dieser Blogbeitrag. Zurück bleibt der Zweifel – und das Gefühl, auf einem anderen Planeten gewesen zu sein, weil es so ein Land in unserer Vorstellungswelt eigentlich nicht mehr geben kann. Von daher ist das Land auf jeden Fall das, was es stolz zu sein proklamiert: einzigartig.
Zusatz: Auch Gebi hat seine Eindrücke zur Reise in einen Blogbeitrag gefasst: Auf ein Tischtennisspiel bei Kim Jong-Il
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