Freitag, 10. Juni 2011

Life of Brian live

Vielleicht liegt es daran, wie wir unsere Reiseroute angelegt haben, dass wir Jerusalem jetzt besonders schraeg finden. In Tel Aviv kommt einem hin und wieder ein Kippatraeger oder eine verschleierte Frau entgegen, aber grundsaetzlich ist es eine westliche Partymetropole mit den saubersten Stadtstraenden der Welt.
In der Negev-Wueste vergisst man ausser bei den gelegentlichen Kibbutzim in the middle of nowhere sowieso, wo man eigentlich ist - zu atemberaubend ist die Kulisse am groessten Erdeinbruch der Welt. Und Eilat koennte genauso auf Mallorca oder an der Costa del Sol liegen.

Wenn man dann die Strasse durchs Westjordanland nach Jerusalem faehrt, wird alles gleich ganz anders. Hier staubige palaestinensische Staedte wie Jericho, die von israelischen Checkpoints umgeben sind; dort riesige israelische Siedlungen, die in rasender Geschwindigkeit aus dem Boden gestampft worden sind. Und dann Jerusalem selbst: Unsere Ankunft fiel mit Shavuat, dem Fest, mit dem man den Empfang der Torah durch Moses begeht, zusammen. Das heisst: Shabbath hoch zehn, die Strassen in Mea'sharim sind gesperrt, alles ist zu (auch die Jugendherberge) und Stroeme von orthodoxen Juden begeben sich zur Klagemauer.

Aber der religioese Overkill ist allgegenwaertig: Souvenirgeschaefte, egal in welchem Viertel der Altstadt, tuermen sich mit Kippas, Menorahs, Heiligenbildchen, Masbahas und Palestinensertuechern, der Geschaeftemacherei wird hier der Vorzug gegeben. Der Muezzin mischt sich ununterbrochen mit den Kirchenglocken, und am Freitagnachmittag, waehrend die Muslime zum Freitagsgebet eilen und sich die Juden auf Shabbath vorbereiten, bricht eine 200koepfige Prozession auf, um, das Ave Maria in vier Sprachen rezitierend, den Leidensweg Christi nachzugehen. Ich habe es nur bis zur neunten Station ausgehalten.

Ich bin wirklich fasziniert. Kann ein Land gegensaetzlicher sein? Und trotzdem bin ich froh, jetzt auf der Dachterrasse ein Goldstar geniessen und dem kollektiven Wahnsinn fuer ein paar Stunden entfliehen zu koennen...

Hier ausserdem noch ein Bericht meines Reisegenossen Paul: Crazytown