Wolfgang Flatz hat mit seiner Performance im Kunstraum Innsbruck vergangenen Freitag wohl erreicht, was er wollte: Aufregung, Verstörung und Unverständnis. Und das ist gut so: Kunst soll aufregen, zum Nachdenken und zum Interpretieren anregen. Mich verstört eher, dass dieser Effekt offensichtlich nur mehr erzielt werden kann, wenn buchstäblich das Blut spritzt, und das live – Massaker im Kino und Leichenberge in der Zeit im Bild lassen uns ja mittlerweile schon kalt.
Erschreckend finde ich aber auch die Reaktionen auf die Performance, von der Bürgermeisterin bis zu LeserbriefschreiberInnen und Forums-PosterInnen. „Das hat mit Kunst nichts zu tun, sondern mit Wahnsinn!“ schreibt ein Poster auf krone.at, „Der Freiheit der Kunst müssen Grenzen gesetzt werden“, meint ein Leserbriefschreiber in der Tiroler Tageszeitung, und eine andere schlägt vor, wenn Flatz seinen Körper „versauen“ wolle, solle er sich doch der Wissenschaft zur Verfügung stellen und in einer Lawine eingraben (sic!) lassen. Und die Bürgermeisterin, oberste Wächterin über Kultur und Moral, werde „derartiges in Zukunft unterbinden“ und die Angelegenheiten werde für den (subventionierten) Kunstraum irgendwelche Konsequenzen haben.
Solche Äußerungen jagen mir immer einen kleinen Schrecken ein. Hier geht es nämlich nicht allein darum, ob ein Mann seinen Kopf gegen Stahlwände schlagen und das Kunst nennen darf. Hier geht es darum, dass es offensichtlich eine weitverbreitete Meinung ist, dass „die Bevölkerung“ vor so mancher Art von Kunst „geschützt“ werden muss. Und diese Rhetorik bewegt sich gefährlich nahe an jener von Systemen, die sich ihrer KritikerInnen aus Kunst und Kultur erst einmal durch Bücherverbrennungen, Beschlagnahmungen und Verbote entledigt haben. Die Freiheit der Kunst ist eine wesentliche Errungenschaft einer demokratischen Gesellschaft und ist nicht in Frage zu stellen!
Streiten kann man über Geschmack – und „gefallen“ hat die Performance von Flatz wohl kaum jemandem… ;)
1 Kommentare:
Ich teile Ihren Schrecken. Wenn Politiker meinen, Erwachsenen Schutz vor einer Kunst bieten zu wollen, zu der jedem absolut frei stand nicht zu kommen oder zu gehen wann man wollte, ist das nichts weniger als protofaschistoid. Mich hat die Performance derart bewegt, dass ich täglich mehrfach darüber nachdenken muss und immer wieder neue Facetten erdenke. Der Mangel an Distanz, Offenheit, Nachdenklichkeit, auch Toleranz in den Kommentaren ist erschreckend. Dabei, und das fasziniert mich sehr intensiv, spielt die Aktion Universalien (Flatz sagte mir vorhin "das Korsett unserer Kultur") durch. Was ist Sünde? Unsere Erbsünde, immer schuldig zu werden. Also christologische Momente, die er mit Metaphern aus der Gegenwart so dermaßen pointiert aufschließt, dass es wirklich an die Substanz geht. Ich war nach 20 Minuten nicht mehr in der Lage, weiter direkt dabei zu sein. Und irgendwann in den Gesprächen musste ich mir meine Schuld eingestehen, denn ich sah auf diejenigen herab, die da ganz wenig betroffen ihr Bierchen zischten und lachten. Als hätte ich ein Recht auf die Moral. Wieder etwas gelernt. Wer mir solche Erfahrungen in Zukunft verbieten will, handelt kriminell!
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