Wolfgang Flatz hat mit seiner Performance im Kunstraum Innsbruck vergangenen Freitag wohl erreicht, was er wollte: Aufregung, Verstörung und Unverständnis. Und das ist gut so: Kunst soll aufregen, zum Nachdenken und zum Interpretieren anregen. Mich verstört eher, dass dieser Effekt offensichtlich nur mehr erzielt werden kann, wenn buchstäblich das Blut spritzt, und das live – Massaker im Kino und Leichenberge in der Zeit im Bild lassen uns ja mittlerweile schon kalt.
Erschreckend finde ich aber auch die Reaktionen auf die Performance, von der Bürgermeisterin bis zu LeserbriefschreiberInnen und Forums-PosterInnen. „Das hat mit Kunst nichts zu tun, sondern mit Wahnsinn!“ schreibt ein Poster auf krone.at, „Der Freiheit der Kunst müssen Grenzen gesetzt werden“, meint ein Leserbriefschreiber in der Tiroler Tageszeitung, und eine andere schlägt vor, wenn Flatz seinen Körper „versauen“ wolle, solle er sich doch der Wissenschaft zur Verfügung stellen und in einer Lawine eingraben (sic!) lassen. Und die Bürgermeisterin, oberste Wächterin über Kultur und Moral, werde „derartiges in Zukunft unterbinden“ und die Angelegenheiten werde für den (subventionierten) Kunstraum irgendwelche Konsequenzen haben.
Solche Äußerungen jagen mir immer einen kleinen Schrecken ein. Hier geht es nämlich nicht allein darum, ob ein Mann seinen Kopf gegen Stahlwände schlagen und das Kunst nennen darf. Hier geht es darum, dass es offensichtlich eine weitverbreitete Meinung ist, dass „die Bevölkerung“ vor so mancher Art von Kunst „geschützt“ werden muss. Und diese Rhetorik bewegt sich gefährlich nahe an jener von Systemen, die sich ihrer KritikerInnen aus Kunst und Kultur erst einmal durch Bücherverbrennungen, Beschlagnahmungen und Verbote entledigt haben. Die Freiheit der Kunst ist eine wesentliche Errungenschaft einer demokratischen Gesellschaft und ist nicht in Frage zu stellen!
Streiten kann man über Geschmack – und „gefallen“ hat die Performance von Flatz wohl kaum jemandem… ;)
Mittwoch, 20. Januar 2010
Sonntag, 20. Dezember 2009
MSc, finally
Angefangen habe ich diesen Blog mit meiner Übersiedelung nach London im September vergangenen Jahres. Letzte Woche nun ist dieses Kapitel symbolisch endgültig abgeschlossen worden, mit der Graduation an der LSE.
Trotz des unglaublichen bürokratischen Aufwand, der rund um diese Presentation Ceremonies betrieben wird, ist die Veranstaltung selbst eigentlich angenehm wenig steif. Highlight für Menschen vom Festland sind natürlich die Clownkostüme. Ich war so begeistert, dass ich die bei uns auch unbedingt einführen will :)
Außerdem habe ich gemerkt, dass ich doch ein bisschen Fern- oder Heimweh nach London habe. Es war gut, alle lieben Menschen endlich wieder zu treffen und meine Lieblingsplätze zu besuchen - und auch wieder zu sehen, wie ein halber Zentimeter Schnee, ja allein die Vorhersage von Schneefall, eine Millionenstadt außer Kraft setzen kann...
Trotz des unglaublichen bürokratischen Aufwand, der rund um diese Presentation Ceremonies betrieben wird, ist die Veranstaltung selbst eigentlich angenehm wenig steif. Highlight für Menschen vom Festland sind natürlich die Clownkostüme. Ich war so begeistert, dass ich die bei uns auch unbedingt einführen will :)
Außerdem habe ich gemerkt, dass ich doch ein bisschen Fern- oder Heimweh nach London habe. Es war gut, alle lieben Menschen endlich wieder zu treffen und meine Lieblingsplätze zu besuchen - und auch wieder zu sehen, wie ein halber Zentimeter Schnee, ja allein die Vorhersage von Schneefall, eine Millionenstadt außer Kraft setzen kann...
Montag, 7. Dezember 2009
Basisdemokratie everywhere
Gestern in der Sauna:
Ein typischer Sonntagnachmittag-Aufguss, der den Verkaterten den Rest geben und die kompetitiven Saunagänger an ihre Grenzen treiben soll. Die Kammer ist schon voll Dampf, die letzten tapferen Gespräche ersterben allmählich. Plötzlich - die erste Runde vom Aufguss ist schon vorbei - begehrt noch einer Einlass in die Saunakammer, üblicherweise ein absolutes No-go. Der Aufgießer jedoch wendet sich an die Keuchenden und Schwitzenden im Raum: "Also, stimmen ma ab! Derf der eina?"
Hilfe, gibt es denn überhaupt keine natürlichen Autoritäten mehr???
Ein typischer Sonntagnachmittag-Aufguss, der den Verkaterten den Rest geben und die kompetitiven Saunagänger an ihre Grenzen treiben soll. Die Kammer ist schon voll Dampf, die letzten tapferen Gespräche ersterben allmählich. Plötzlich - die erste Runde vom Aufguss ist schon vorbei - begehrt noch einer Einlass in die Saunakammer, üblicherweise ein absolutes No-go. Der Aufgießer jedoch wendet sich an die Keuchenden und Schwitzenden im Raum: "Also, stimmen ma ab! Derf der eina?"
Hilfe, gibt es denn überhaupt keine natürlichen Autoritäten mehr???
Sonntag, 29. November 2009
Ein Alltag ist ein Tag im All
Sonntag, 15. November 2009
Josef Hader im sowimax
"I fahr jetzt nach Kufstein und ihr bleibts da. Bleibts ruhig no länger da!"
Mit diesen Worten hat sich Josef Hader nach seinem gestrigen Soli-Auftritt im besetzten Sowimax von uns verabschiedet. Das Sowimax war zum Bersten voll, und wir haben den Auftritt in drei weitere Hörsäle übertragen - "offiziell" haben 700 Personen den Auftritt verfolgt!
Mit diesen Worten hat sich Josef Hader nach seinem gestrigen Soli-Auftritt im besetzten Sowimax von uns verabschiedet. Das Sowimax war zum Bersten voll, und wir haben den Auftritt in drei weitere Hörsäle übertragen - "offiziell" haben 700 Personen den Auftritt verfolgt!
Mittwoch, 4. November 2009
Sowimaxismus für AnfängerInnen und Fortgeschrittene
Ich gestehe: ich war zu Beginn gegen diese Besetzung. Ich habe Innsbruck so etwas nicht zugetraut. Ich habe geglaubt, dass hier nach einer durchfeierten Nacht alles wieder vorbei sein würde.
Ich habe mich eines Besseren belehren lassen.
Was sich in den letzten Tagen im SowiMax abgespielt hat, habe ich bisher noch nicht erlebt. Solidarität, Disziplin, Verantwortung, Demokratie, und noch viele "hehre" Eigenschaften mehr, alle diese werden in der besetzten Sowi-Aula in ihrer pinzipiellsten Form gelebt. Und über die Zeit konnte man an jedem und jeder BesetzerIn sehen, wie sehr diese Besetzung auch eine Schule für's Leben ist: ehemals schüchterne Burschen trauen sich, vor vollem Saal Wortmeldungen übers Mikrophon abzugeben, ein nach eigenen Angaben "unpolitisches" Mädel wird zur flammenden Verfechterin basisdemokratischer Grundsätze, und einige Leute, die vermutlich noch bei den Eltern wohnen, sehen sich plötzlich in der Lage, täglich für hunderte Menschen zu kochen.

Über den vorläufigen Forderungskatalog, der an jedem Besetzungstag weiter bearbeitet wird, kann man diskutieren. Aber zwei Dinge müssen klar sein:
1. Der Diskurs, den diese Besetzungen anstoßen, ist längst überfällig. In der Bildungspolitik herrscht dringender Handlungsbedarf, und es geht nicht nur ums Geld. Es geht darum, der Bildung wieder jenen Stellenwert einzuräumen, den sie verdient, und es den Universitäten zu ermöglichen, ihrer Rolle als Anstoßerin gesellschaftlicher Diskurse gerecht zu werden, anstatt ein Korsett zu sein für Lehrende und Studierende.
2. Den Vorwurf, junge Menschen seien politikverdrossen, kann man angesichts dieser Bewegung getrost zurückweise. Diese Bewegung ist das politischste, was in diesem Land seit langem vorgekommen ist. Es geht um die Art, wie Politik gemacht wird - transparent, schnell in der Kommunikation und mit nachvollziehbaren Entscheidungsprozessen. Menschen können genau zu jenen Themen partizipieren, die sie interessieren und wo sie sich kompetent fühlen. Im Prinzip bedeutet dies eine optimale Ausnutzung der Ressourcen bei gleichzeitig größtmöglicher Partizipation. Eine Vorzeigesituation, wie mit dem vielzitierten Social Capital umgegangen werden sollte.

Ein Absatz noch zu der Gegenbewegung, die gestern zum Plenum mobilisiert hat mit dem Ziel, den Sinn der Besetzung zu diskutieren und die Besetzung evtl per Mehrheitsbeschluss aufzulösen. Es hat sich im Gespräch mit einigen dieser Studierenden später ergeben, dass wir in den zentralen Forderungen praktisch nicht auseianderliegen. Missstände betreffen nun mal jeden und jede. Der Stein des Anstoßes ist die Art des Protestes. Und hier möchte ich an alle SkeptikerInnen appellieren, sich auf die Besetzung einlassen, so wie ich selbst mich am Anfang darauf eingelassen habe. Wenn diese Bewegung auf eine noch breitere Basis gestellt wird, dann kann hier wirklich etwas ganz großes entstehen...
Ich bin sehr stolz auf uns Besetzerinnen und Besetzer im SowiMax. Und obwohl der kollektive Gedanken ganz oben steht - ein bisschen bin ich auch stolz auf mich selber: Gestern abend habe ich gemeinsam mit dem Jakob dieses siebenstündige kontroversielle Plenum moderiert, wo zeitweise weit über 750 Menschen anwesend und die Stimmung buchstäblich geladen war.
Für MasochistInnen gibt es den Beginn des Plenums zum Nachschauen, inklusive händischer Zählung von 750 Abstimmenden und Megaphoneinsatz durch Stromausfall:
Bleibt nur mehr eines zu schreiben: Venceremos!
Ich habe mich eines Besseren belehren lassen.
Was sich in den letzten Tagen im SowiMax abgespielt hat, habe ich bisher noch nicht erlebt. Solidarität, Disziplin, Verantwortung, Demokratie, und noch viele "hehre" Eigenschaften mehr, alle diese werden in der besetzten Sowi-Aula in ihrer pinzipiellsten Form gelebt. Und über die Zeit konnte man an jedem und jeder BesetzerIn sehen, wie sehr diese Besetzung auch eine Schule für's Leben ist: ehemals schüchterne Burschen trauen sich, vor vollem Saal Wortmeldungen übers Mikrophon abzugeben, ein nach eigenen Angaben "unpolitisches" Mädel wird zur flammenden Verfechterin basisdemokratischer Grundsätze, und einige Leute, die vermutlich noch bei den Eltern wohnen, sehen sich plötzlich in der Lage, täglich für hunderte Menschen zu kochen.
Über den vorläufigen Forderungskatalog, der an jedem Besetzungstag weiter bearbeitet wird, kann man diskutieren. Aber zwei Dinge müssen klar sein:
1. Der Diskurs, den diese Besetzungen anstoßen, ist längst überfällig. In der Bildungspolitik herrscht dringender Handlungsbedarf, und es geht nicht nur ums Geld. Es geht darum, der Bildung wieder jenen Stellenwert einzuräumen, den sie verdient, und es den Universitäten zu ermöglichen, ihrer Rolle als Anstoßerin gesellschaftlicher Diskurse gerecht zu werden, anstatt ein Korsett zu sein für Lehrende und Studierende.
2. Den Vorwurf, junge Menschen seien politikverdrossen, kann man angesichts dieser Bewegung getrost zurückweise. Diese Bewegung ist das politischste, was in diesem Land seit langem vorgekommen ist. Es geht um die Art, wie Politik gemacht wird - transparent, schnell in der Kommunikation und mit nachvollziehbaren Entscheidungsprozessen. Menschen können genau zu jenen Themen partizipieren, die sie interessieren und wo sie sich kompetent fühlen. Im Prinzip bedeutet dies eine optimale Ausnutzung der Ressourcen bei gleichzeitig größtmöglicher Partizipation. Eine Vorzeigesituation, wie mit dem vielzitierten Social Capital umgegangen werden sollte.
Ein Absatz noch zu der Gegenbewegung, die gestern zum Plenum mobilisiert hat mit dem Ziel, den Sinn der Besetzung zu diskutieren und die Besetzung evtl per Mehrheitsbeschluss aufzulösen. Es hat sich im Gespräch mit einigen dieser Studierenden später ergeben, dass wir in den zentralen Forderungen praktisch nicht auseianderliegen. Missstände betreffen nun mal jeden und jede. Der Stein des Anstoßes ist die Art des Protestes. Und hier möchte ich an alle SkeptikerInnen appellieren, sich auf die Besetzung einlassen, so wie ich selbst mich am Anfang darauf eingelassen habe. Wenn diese Bewegung auf eine noch breitere Basis gestellt wird, dann kann hier wirklich etwas ganz großes entstehen...
Ich bin sehr stolz auf uns Besetzerinnen und Besetzer im SowiMax. Und obwohl der kollektive Gedanken ganz oben steht - ein bisschen bin ich auch stolz auf mich selber: Gestern abend habe ich gemeinsam mit dem Jakob dieses siebenstündige kontroversielle Plenum moderiert, wo zeitweise weit über 750 Menschen anwesend und die Stimmung buchstäblich geladen war.
Für MasochistInnen gibt es den Beginn des Plenums zum Nachschauen, inklusive händischer Zählung von 750 Abstimmenden und Megaphoneinsatz durch Stromausfall:
Bleibt nur mehr eines zu schreiben: Venceremos!
Freitag, 23. Oktober 2009
Der Barbier von Taschkent
Gestern habe ich das lustigste Opernerlebnis meines Lebens gehabt.
Wir waren im Bolschoi Teatr, der Staatsoper Usbekistans, um Rossinis Barbier von Sevilla zu sehen. Die Tickets in der hoechsten Kategorie kosten dann doch ganze zwei Euro... Nicht nur, dass die Oper auf Russisch statt auf Italienisch gesungen wurde - was geschieht, wenn man eine Sprache voller Vokale gegen eine Sprache voller Zischlaute austauscht, kann sich jeder ausmalen - auch das Buehnenbild und die Schauspielerei waren fern von dem, was man bei uns aus der Oper gewoehnt ist. Im ersten Akt haben wir uns noch lustig gemacht ueber diese Interpretation, aber mit der Zeit wurde uns klar, dass dies eigentlich die unverfaelschteste Art ist, Oper darzustellen, naemlich als Unterhaltung statt als steife Adabei-Abendgestaltung. Ich habe jedenfalls noch selten drei Stunden lang so herzhaft durchgelacht wie gestern abend.
Noch kurz zu den letzten paar Tagen: Der naechste Stop nach Buchara war Samarkand, eine wirklich architektonisch unglaublich beeindruckende Stadt, auch wenn unter Karimov die meisten bis zu 700 Jahre alten Gebaeude 'restauriert', also neu bemalt wurden und damit viel von der urspruenglichen Substanz verloren gegangen ist.
Anschliessend haben wir noch bei einer Bergtour im Umland den Reisefuehrer Luegen gestraft, der behauptet, dass Usbekistan landschaftlich nichts zu bieten haette. So etwas schoenes hab ich noch selten gesehen.
Und seit drei Tagen sind wir nun in Taschkent, lassen uns durch die Bazare treiben, und versuchen, das vom Lonely Planet verheissene 'best nightlife east of Beirut' zu finden. Bisher erfolglos.
Wir waren im Bolschoi Teatr, der Staatsoper Usbekistans, um Rossinis Barbier von Sevilla zu sehen. Die Tickets in der hoechsten Kategorie kosten dann doch ganze zwei Euro... Nicht nur, dass die Oper auf Russisch statt auf Italienisch gesungen wurde - was geschieht, wenn man eine Sprache voller Vokale gegen eine Sprache voller Zischlaute austauscht, kann sich jeder ausmalen - auch das Buehnenbild und die Schauspielerei waren fern von dem, was man bei uns aus der Oper gewoehnt ist. Im ersten Akt haben wir uns noch lustig gemacht ueber diese Interpretation, aber mit der Zeit wurde uns klar, dass dies eigentlich die unverfaelschteste Art ist, Oper darzustellen, naemlich als Unterhaltung statt als steife Adabei-Abendgestaltung. Ich habe jedenfalls noch selten drei Stunden lang so herzhaft durchgelacht wie gestern abend.
Noch kurz zu den letzten paar Tagen: Der naechste Stop nach Buchara war Samarkand, eine wirklich architektonisch unglaublich beeindruckende Stadt, auch wenn unter Karimov die meisten bis zu 700 Jahre alten Gebaeude 'restauriert', also neu bemalt wurden und damit viel von der urspruenglichen Substanz verloren gegangen ist.
Anschliessend haben wir noch bei einer Bergtour im Umland den Reisefuehrer Luegen gestraft, der behauptet, dass Usbekistan landschaftlich nichts zu bieten haette. So etwas schoenes hab ich noch selten gesehen.
Und seit drei Tagen sind wir nun in Taschkent, lassen uns durch die Bazare treiben, und versuchen, das vom Lonely Planet verheissene 'best nightlife east of Beirut' zu finden. Bisher erfolglos.
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